Über Originalität

Über Originalität

Text mache ich wie meine Großmutter ihre Minestrone: Alles reinschmeißen, was da ist, dann langsam runterköcheln, fertig. Am Anfang hast du diese dünne Brühe, aber nach und nach gibt es etwas Anständiges, etwas das Substanz hat.

Alfredo Marcantonio

Constanze, wie siehst’n du das?

Stimmt! Gut durchdachter Content ist keine 5-Minuten-Terrine. Schon gar nicht schlüssige Texte, die eine Botschaft einfach und pfiffig vermitteln sollen.

Am Anfang eines Textes werfe ich alles, was mir einfällt, in einen Topf. Mein PC nennt das Word-Dokument. Sind diese Textbrocken schon genießbar? Nöö. In 60 Prozent der Fälle ist der erste Entwurf (den nur ich lese) dazu da, einen Geschmack dafür zu bekommen, in welche Richtung es gehen darf. Um aus dieser Buchstabenbrühe etwas mit Substanz zu schaffen, ist es unverzichtbar, Text köcheln zu lassen. Oder eher das Texterhirn. Naja, Fakt ist: Nutzloses Blabla verdampft, wenn man mit Texten arbeitet. Das ist zeitintensiv. Und wertvoll, weil das Ergebnis in noch keinem (Koch)Buch steht. Das ist für mich originell.

So verstandene Originalität hat ihren Preis. Und der bemisst sich nicht nur in Stunden. Originalität fordert heraus. Sie kostet Mut. Zum Beispiel, indem man sich traut, rigoros ehrlich zu sein. Zu sich und zu den Menschen, die man erreichen möchte. Fragen, die sich dabei stellen sind: Stimmt das, was und wie ich schreibe, mit dem überein, wer ich bin? Passt das Wording wirklich zu mir? Schreibe ich, weil „man das halt so sagt“ oder schreibe ich, weil ich es so meine. Das sind keine Fragen fürs private Tagebuch. Wer es mal probiert, wird merken, dass wir uns Ehrlichkeit beim Schreiben – besonders bei Marketing-Texten – oft erst wieder erarbeiten dürfen.

Manche Textfetzen laufen so auf Autopilot, dass man fast glauben könnte, sie seien wahr. Bestes Beispiel, der Klassiker am E-Mail-Ende: „Ich stehe Ihnen jederzeit zur Verfügung“. Erstens: Für wie viele Berufsgruppen trifft das tatsächlich zu? Zweitens: Wer würde das so in einem Vier-Augen-Gespräch sagen? Ich nicht. Ich gehör mir selbst. Dagegen bin ich „bei Fragen nur eine E-Mail oder einen Anruf entfernt“.

Kochbücher sind so gut wie Texterregeln nützlich. Doch kein Rezept nimmt einem die Entscheidung ab, sich mutig seiner eigenen Sprache zu bedienen. Oder anders ausgedrückt: Was nur nach Rezept zubereitet ist, wird niemals originell. Egal um was es geht, man muss es sich (schreibend) zu eigen machen.

Womit wir wieder bei der Minestrone von Marcantonios Oma wären. Denn was er im Kern schätzt, ist ihre Hingabe zum Kochen, die er sich fürs Texten abguckt. Die, also die Hingabe, stünde – wenn ich Originalität in ein Rezept packen könnte – bei meiner Zutatenliste wohl auch ganz oben mit dabei.

PS: Wie der Gemüseeintopf schmecken Texte am nächsten Tag einfach besser. Ich glaube da an ein Texter-Unterbewusstsein, das über Nacht erwacht und nochmal aussiebt, abschmeckt und verfeinert. Wenn ich mich morgens an den Schreibtisch setze und 11.000 Zeichen (ohne Leerzeichen) zu 4.500 Zeichen (mit Leerzeichen) verdichte, weiß ich: jetzt wird’s gehaltvoll. Dann macht’s Spaß. 

Constanze ist Junior Texterin bei Diemar Jung Zapfe. Sie lacht laut über humorvolle Postkarten und schreibt am liebsten unter dem Motto „Je mehr Mensch, desto besser“.

Über unsere Serie:

In unserer DJZ-Serie „Wie siehst’n du das?“ setzen wir unserem Team Weisheiten aus Marketing und Management vor die Nase. Tiefgründig, witzig und manchmal ein bisschen bissig. Was sagen sie dazu? Spiegeln die schlauen Sprüche ihren Arbeitsalltag wider? Oder ist in Wirklichkeit alles ganz anders?

Kontakt
Constanze Fürst
Junior Texterin
Mail: info@diemar-jung-zapfe.de

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